Viel Lärm um „nichts"?

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Die deutsche Volksgruppe in der Republik Polen zu Beginn des Jahres 2012

2011 war für die deutsche Volksgruppe in der Republik Polen ein ereignisreiches Jahr. So zumindest sieht es die Redaktion des "Schlesien Journal" in der ersten Ausgabe in 2012. In der Tat ist rund um die Deutschen östlich von Oder und Neiße viel geschehen. Seien es die sog. „Rundtischgespräche“, die der Vorbereitung des 20. Jahrestages und der Evaluation des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages dienten, an denen neben der deutschen und polnischen Regierung auch Vertreter der Deutschen beteiligt waren. Seien es die Volkszählung  im Sommer 2011 oder die Wahlen zum gesamtpolnischen Parlament im Oktober des letzten Jahres oder aber die Besuche verschiedener westdeutscher Politiker in Schlesien.

Erfolg als Frage des Standpunkts

Es steht jedoch die Frage unbeantwortet im Raum, ob 2011 auch als ein erfolgreiches Jahr bezeichnet werden kann, wie man dem Zuschauer des „Schlesien Journals“ nahe legen möchte. Die Basis der deutschen Volksgruppe hat u.a. mit Hilfe der AGMO e.V. in den Ortsgruppen des Deutschen Freundschaftskreises (DFK) hervorragende Arbeit geleistet.

Zur dringendsten Frage, die die deutsche Volksgruppe in unserem östlichen Nachbarland betrifft, der Einführung der immer noch vollständig fehlenden deutschen Kindergärten und Grundschulen konnte man hingegen, außer schriftlichen und mündlichen Erklärungen in Briefen und Interviews, wenig vernehmen. Sicherlich gibt es das Projekt der sich offenbar sehr gut entwickelnden Samstagskurse für Kinder von deutschen Eltern. Auch haben sich einige wenige bilinguale Kindergärten und Grundschulen, bzw. bilinguale Gruppen oder Klassen in diesen Einrichtungen etablieren können. Doch der große Wurf des rettenden Ankers ist dies noch nicht. Es wirkt mehr wie das Stochern im Nebel, als daß hier ein klares dem Handeln zugrunde liegendes Konzept angenommen werden könnte.

Viele Möglichkeiten, die genutzt werden wollen

Die „Rundtischgespräche“ zwischen Februar 2010 und Mai 2011 hätten so eine Möglichkeit geboten. Man kann es den Vertretern der deutschen Volksgruppe nicht zum Vorwurf machen, wenn bloß ein Satz in der abschließenden Erklärung des „Runden Tischs“ der deutschen Sprache gewidmet ist. Sie haben es immerhin versucht. Gleich zu Beginn der Gespräche wurde ein Forderungskatalog vorgelegt, in dem das Verlangen nach „eigenen deutschen Kindergärten und Schulen“ deutlich artikuliert wurde. Diese absolut berechtigte Erwartung  unserer Landsleute in der Republik Polen wiederholte der Präsident des Dachverbandes der Deutschen in der Republik Polen (VdG), Bernard Gaida, in einem Brief vom 12.03.2011 an den Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Lammert. Petitionsausschuß und Deutscher Bundestag hatten es zuvor auf Antrag der AGMO e.V. hin nicht als petitionswürdig erachtet, dass den Deutschen in der Republik Polen eigene Kindergärten und Schulen ganz offensichtlich seit nunmehr 20 Jahren vorenthalten werden.

Gleiches gilt für die Volkszählung und Sejm-Wahl 2011. Beide Anlässe hätten die Chance geboten einem weiteren, als sonst üblichem, rein internem Publikum die wichtigsten Fragen der deutschen Volksgruppe zu vermitteln.  Allein es blieb bei Lippenbekenntnissen (vgl. AGMO-Intern 4/2011 „Wort und Tat: Die Führung der Deutschen Volksgruppe bezieht Stellung“). Wurden zum Zensus noch Werbematerialen in Deutsch und Polnisch herausgebracht, so fehlte deutsch- bzw. zweisprachiges Wahlkampfmaterial für die Wahl zum gesamtpolnischen Parlament in 2011 vollständig. Anfragen der AGMO e.V. beim VdG und beim „Wahlkomitee der deutschen Minderheit“ in Oppeln, mit der Bitte um Zusendung solcher Materialien, damit auch in Westdeutschland auf die Wahl aufmerksam gemacht werden könne, wurden mit der lakonischen Bemerkung abschlägig beschieden, es gäbe keine deutschen Wahlprogramme oder ähnliches, da in den „hektischen Zeiten des Wahlkampfes“ die Zeit fehle alles zweisprachig zu gestalten. Ein einziger Kandidat im Bezirk Oppeln hat auf eigene Kosten zweisprachige Wahlplakate herstellen lassen. Die Stoßrichtung der Verantwortlichen war wohl, sich allen potentiellen Wählern - auch den polnischen - in der Region als den Identifikationspunkt zu präsentieren. Anstatt mit einem eindeutigen „deutschen“ Profil und überzeugenden Argumenten zu werben, fügte man sich nahtlos und ohne Wiedererkennungswert in das übliche Parteienspektrum ein. Selbst überzeugten Deutschen dürfte es da schwer gefallen sein, das Kreuz an der entsprechenden Stelle zu machen. Der Unterschied zwischen den Regionalwahlen 2010 mit einem Ergebnis von 18 % und den Sejm-Wahlen bei denen knapp 8 % im Bezirk Oppeln erlangt wurden, spricht Bände.

Stattdessen wurde kurz nach der Wahlschlappe die Idee eines eigenen Radiosenders der Deutschen mit Sitz in Oppeln geboren. Sicherlich wäre das kein schlechtes Unterfangen. Doch stellt sich die Frage, aus welchem Grund keine kritische und gründliche Analyse des desaströsen Ergebnisses vorgenommen und Ursachenforschung betrieben wurde.

Den Deutschen in der Region Oppeln - im Bezirk Schlesien wurde aus verschiedenen Gründen keine eigene Liste aufgestellt, obgleich gute Versuche dazu von der Basis ausgegangen sind - ist ihr Verhalten kaum zum Vorwurf zu machen. Wo sollen die Wähler einer „deutschen“ Liste herkommen, wenn niemand die Möglichkeit hatte, durch frühkindliche Sprachbindung an die deutsche Muttersprache in Kindergärten und Grundschulen eine feste Identität zu entwickeln, die sich dann mindestens in der Wahlkabine entfaltet?

„Echte deutsche Kindergärten und Grundschulen“ – Gebot der Stunde

Der einzigen wirklich wichtigen Frage, der nach der Einrichtung „echter deutscher“ Kindergärten und „Schulen“, weichen die Spitzen der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen weiterhin aus. Präsentiert wird stattdessen eine Kampagne zur Zweisprachigkeit in der Region. Der Titel dieser Maßnahme, die vom Haus für deutsch-polnische Zusammenarbeit (HdpZ) koordiniert wird, „Zwei Sprachen - doppelte Chance“ mag sicherlich einen wahren Kern in sich bergen. Jedoch sollte aus Gründen der Identitätsfestigung und Sprachbindung gerade im Bereich der Vor- und Grundschulbildung die deutsche Sprache als wiederzuerlangende Muttersprache eine Hauptrolle einnehmen. Zweisprachigkeit, wie sie sich zur Zeit dem unvoreingenommenen Betrachter in den Strukturen der deutschen Volksgruppe präsentiert, läuft zumeist darauf hinaus, Polnisch zu reden und zu schreiben und im Nachhinein erst ins Deutsche zu übersetzen. In diese Richtung scheint auch das neue Konzept, Deutsch als „Minderheitensprache“ (DaMi) und nicht mehr als Muttersprache zu betrachten, abzuzielen
(http://www.agmo.de/aktuelles/mitteilungen/111-sprachlos-in-oberschlesien-und-das-geheimins-qminderheitenspracheq).

Weshalb bedarf es des Leiters der Abteilung für nationale Minderheiten im polnischen Innenministerium, Dobiesław  Rzemieniewski, um die simple Wahrheit auszusprechen, dass zweisprachige Schulen in der Praxis nicht funktionieren? So der hochrangige Beamte während einer Konferenz zur Zweisprachigkeit in der Oppelner Region im Dezember 2010 vor den versammelten Repräsentanten der deutschen Volksgruppe.

Osaka Studie und Bericht des Europarats weisen Weg in die Zukunft

Die Osaka-Studie über die Lage der deutschen Volksgruppe im Bezirk Oppeln könnte ebenfalls als sinnvolle Argumentationsgrundlage für die Arbeit der Vertreter der Deutschen in der Republik Polen herangezogen werden. (http://www.agmo.de/aktuelles/mitteilungen/103-deutsche-kindergaerten-und-grundschulen-notwendiger-denn-je). Die AGMO e.V. sieht zentrale Aussagen nicht nur dadurch bestätigt.

So wurde jüngst die Herausgabe des Berichts einer Sachverständigenkommission des Europarats (07.12.2011) bekannt, im Zuge dessen die Anwendung der „Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen“ in der Republik Polen untersucht worden ist. Die darin enthaltenen Aussagen stellen nicht nur eine zwar diplomatisch gehaltene doch nichtsdestoweniger deutliche Zurechtweisung der bisherigen polnischen Politik gegenüber der deutschen Volksgruppe dar. Vielmehr noch bezeichnet dieses neutrale Expertengremiums die sog. „Zweisprachigkeit“ im Bildungswesen - in dem Kapitel, das die Deutschen und ihre sprachliche Lage behandelt - als „unzureichend“ (http://www.agmo.de/aktuelles/mitteilungen/106-verpflichtungen-wurden-nicht-erfuellt).Der antragsfreie Zugang zu rein deutscher Vor- und Grundschulbildung muss den Kindern deutscher Eltern ermöglicht werden, so die Kommission.

Es sollte zu erwartet sein, dass dieser Bericht von den Vertretern der deutschen Volksgruppe nunmehr aufgegriffen wird und die darin enthaltenen Steilvorlagen, denen sich weder die bundesdeutsche noch polnische Politik mehr entziehen können sollte, in die energische Durchsetzung „echter deutscher Kindergärten und Schulen“ eingebunden werden.

Lob und der Anerkennung der „deutschen Minderheit“ müssen Taten der polnischen Politik folgen!

Zu hoffen bleibt auch, dass man nicht das neckische Lob des früheren polnischen Innenministers Miller für die „Deutsche Minderheit“ - diese sei vorbildlich für andere „Minderheiten“ in der Republik Polen (weshalb gelangt der polnische Minister wohl zu so einer Auffassung?) - als Maßstab des Erreichten gelten lässt, sondern der Sicherung der kulturellen Existenz, der Identitätsfestigung durch Sprachbindung den Vorrang einräumt. Diese einzig mögliche Überlebensstrategie basiere, so Matthias Lempart vom DFK Mechnitz, ebenfalls in dem Beitrag des „Schlesiens Journals“ zu sehen und hören, voll und ganz auf der deutschen Sprache. Diese wiederzuerlangen und zu erwerben, sei das wichtigste, was die DFK-Verbände nun vorhaben müssten.

Sonst, so ließe sich eine berechtigte Sorge unter interessierten Beobachtern zusammenfassen, könnte es frei nach William Shakespeares Komödie um Liebe und Intrigen bald wirklich heißen "Viel Lärm um nichts"!

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Die gemeinnützige Gesellschaft wurde 1980 als Arbeitsgemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Ostdeutschland (AGMO) gegründet.
Die AGMO e.V. wurde im Jahre 1990 in das Vereinsregister eingetragen.