21. Februar 2012
Ein wichtiger Tag für Europa
Seit 2000 wird der 21. Februar, einem Beschluss der UNESCO folgend, als Internationaler Tag der Muttersprache begangen. Historischer Hintergrund ist das gewaltsame Vorgehen der pakistanischen Polizei im Jahre 1952 gegen bengalische Demonstranten, die die Einführung der Urdu-Sprache, die lediglich durch drei Prozent der pakistanischen Bevölkerung Verwendung fand, als Amtssprache problematisierten. Dieser Gedenktag ermöglicht es, das Problem des Verstoßes gegen sprachlich-kulturelle Volksgruppenrechte ausgehend vom geschichtlichen Anlass zu abstrahieren und auf tagespolitische Fälle anzuwenden, bei denen es in vielfältigen Formationen vorliegt.
Verletzung des Menschenrechts auf Muttersprache kein ausschließlich außereuropäisches Problem
Denn nicht immer muss mangelnde Achtung gegenüber Muttersprachen einzelner Volksgruppen zu einer gewaltsamen Eskalation führen, an deren Ende dann wie im Falle Pakistans gar die Loslösung eines Teils des Staatsgebietes (des heutigen Bangladesch) vom Gesamtstaat stehen kann.
Auch brauchen wir nicht annehmen, dass es beim kulturellen Menschenrecht auf die eigene Muttersprache nur Probleme gibt jenseits des ‘glücklichen Kontinents’ Europa, etwa bei kleinen endogenen Volksstämmen in Asien, Afrika oder Südamerika – wenn diese Fälle auch häufig von besonderer Härte sind, da sie Hand in Hand gehen mit den inhumanen Folgen unserer globalisierten Weltwirtschaft.
Zugang zur Muttersprache - Auch mitten in Europa ein häufig ungelöstes Problem
Auch Europa darf sich an einem Tag der Muttersprache aufgefordert fühlen, kritisch zu bilanzieren, wie es um die Situation seiner Minderheitensprachen steht. Dass die Fähigkeit zu einer solchen kritischen Reflexion vorhanden ist, zeigt der jüngst erschienene Bericht des Europarates über die Anwendung der "Europäischer Charta der Regional- und Minderheitensprachen" in der Republik Polen, der deutlich macht, dass es nicht nur notwendig ist, eine Minderheitensprache zu erlauben; sie muss zudem aktiv gefördert werden. Anders gebärdete sich leider Marek Mazurkiewicz, Minderheitenbeauftragter der Woiwodschaft Oppeln, der, anstatt die Erkenntnisse im Sinne der ihm Anempfohlenen konstruktiv aufzugreifen, die Ernsthaftigkeit der Studie in Frage zu stellen müssen meinte, wie berichtet wurde. Man kann nur froh sein, dass die "Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien" (SKGD Oppeln) für diesen unkooperativen Akt deutliche Worte fand.
Deutsche Politik muss Tag der Muttersprache nutzen, um offene Fragen aufzugreifen
Es wäre zu hoffen, dass sich SKGD und VdG hierbei darauf verlassen könne, dass ihre richtige und wichtige Position in der Debatte genügend Unterstützung durch die Bundesrepublik Deutschland findet – Anlass, sich zu solidarisieren und dies zu artikulieren, könnte der Internationale Tag der Muttersprache bieten. Auch wenn der Bundespräsident momentan vielleicht nicht unbedingt glaubwürdig fungieren kann, so gibt es doch genug andere Politiker und Politikerinnen, die diesen Tag nutzen könnten, sich im Sinne der Deutschen in Polen Gehör zu verschaffen: Etwa die Bundeskanzlerin Angela Merkel als Partnerin der polnischen Regierung, Bundesinnenminister Friedrich, in dessen Aufgabenbereich die deutschen Minderheiten im Ausland fallen; nicht Grundlos hoffen könnte man auch auf Dr. Angelica Schwall-Düren, Europaministerin des Landes Nordrhein-Westfalen mit offensichtlich ernsthaftem Interesse an den Deutschen in Schlesien, und auf Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert. Dieser hatte vergangenes Jahr eine Petition, die auf die AGMO e.V. – Gesellschaft zur Unterstützung der Deutschen in Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen zurückging und im Wesentlichen die nun im EU-Bericht dargestellten Probleme thematisierte, nach ihrer Ablehnung durch den Bundestag zur erneuten Prüfung angesetzt.
Europäische Einigung und Menschenrechte müssen Hand in Hand gehen
Unabhängig von der Frage, wie auch immer die deutsche Politik sich den Tag der Muttersprache zu eigen machen wird, wäre es wünschenswert, wenn Europa solche, bisher vielleicht unterschätzten, Anlässe der Kulturpolitik nutzen würde, in der aktuellen Situation neue Kraft zu schöpfen: Eine Staaten- und Völkergemeinschaft im Wesentlichen auf eine Währung zu gründen und konzentrieren, hat sich als riskant erwiesen. Um Europa zukunftsfähig zu gestalten, wird es notwendig sein, sich auf sein kulturell vielfältiges Fundament zu besinnen, innerhalb dessen gerade die Volksgruppen und Minderheiten Bindemittel und Brückenbauer eines Europas der Regionen sind. Um dieses interregionale Netzwerk zu erhalten und stärken, das überhaupt erst Voraussetzung ist, super- und supranationale Politik mit Leben zu füllen, für die Menschen erlebbar und nachvollziehbar zu gestalten, ist es wichtig, jede einzelne Minderheit zu fördern, gerade auch mit Blick auf ihre Muttersprache.
Auch in diesem Sinne sollten den Deutschen in der Republik Polen am Tag der Muttersprache Beachtung zukommen – Politik und Öffentlichkeit sind gefragt.

